Montag, 1. September 2008

Und weiter geht´s Richtung Norden

Die Strecke war klar, sollte uns fürs erste über den Damm und eine sich anschließende Zugbrücke aus Västervik heraus auf die Insel bringen, welche Västervik vorgelagert war. Diese Insel ist etwa 20km lang, und besteht zu großen Teilen aus Naturreservaten.

Blick auf die Zugbrücke zur Insel

Grössere Ortschaften gibt es ausser Västervik im Süden und Gamleby im Norden der Insel keine mehr. Dafür aber einige kleinere, malerische Dörfer, welche sich wunderbar in die hier sehr naturbelassene Umgebung einfügten. Die Architektur der Häuser entsprach dabei aber noch nicht dem typisch schwedisch-norwegischen Klischee vom roten Holzhaus. Diese sind dann erst weiter nördlich anzutreffen. Viele dieser Anwesen sind nicht von schlechten Eltern, was die Preise für diese Immobilien hinreichend beweisen.
Aber obwohl im Wesentlichen die Anwesen sehr gut gepflegt sind, machten doch einige der kleinen Gehöfte den Eindruck, dass es auch hier am nötigen Kleingeld mangelte um selbst geringfügige Reparaturen auszuführen. Grad auf dem Land ist die Bevölkerung finanziell doch nicht so gut gestellt, wie man allgemein annimmt. Auch hier verfallen kleine Höfe und im Gegensatz dazu werden große Betriebe immer mächtiger. Die Gesetze der Marktwirtschaft wirken also nicht nur in Deutschland.

In Schweden gilt zwar das so genannte „Jedermannsrecht“ – das heisst, solange wir keinen Schaden an der Natur anrichteten oder andere Mitbürger belästigten, hätten wir uns eigentlich bewegen können, wo wir wollten. Selbst auf privaten und eingezäunten Grundstücken. Dennoch ist in derartigen Naturreservaten Vorsicht geboten. So Dinge wie angeln, Pflanzen oder Teile davon beschädigen oder entfernen usw. sind streng verboten. Ist ja auch gut so. Und offenes Feuer hätte sich, obwohl auch nicht erlaubt, von selbst verboten, da die Temperaturen schon ziemlich hoch waren und extreme Trockenheit herrschte.

Da wir erst nachmittags in Västervik eingetroffen waren, war natürlich eine gesamte Tagessetappe von etwa 20km nicht mehr zu schaffen. Aber für die Hälfte sollte´s etwa noch reichen.

Nun kam also die erste Bewährungsprobe und ich würde in Erfahrung bringen, ob mein Training etwas gebracht hatte. Bei Tobi war ich mir da sicher, dass er keine Schwierigkeiten haben würde. In dem Alter ist das noch nicht so wild. Und sportlich ist er auch, obwohl er nach eigener Aussage vorher in dieser Hinsicht keine grossen Aktivitäten gestartet hatte. Bei ihm steckte aber auch mehr Routine drin, was sofort zu merken war. Um´s vorweg zu nehmen - wir sind an diesem Nachmittag, obwohl noch nicht mal sehr hohe Temperaturen herrschten, noch mächtig in´s schwitzen gekommen. 27 kg auf dem Buckel sind halt doch nicht zu verachten. Mit schätzungsweise 5 km die Stunde hatten wir auch ein recht gutes Marschtempo angeschlagen, konnten dieses auch relativ konstant halten, da zu Anfang der Streckenverlauf recht eben war. Es sollte sich aber bald zeigen, dass unter den gegebenen Umständen selbst dieses nicht zu schnelle Tempo noch etwas reduziert werden musste.

Wir hatten Västervik schon eine ganze Weile hinter uns gelassen und marschierten auf Piperskärr zu, eine dieser kleinen, malerisch gelegenen Ortschaften auf dieser Insel, welcher auch noch einzeln stehende Wohnhäuser vorausgingen. Hier sah ich auch zum ersten mal, dass die Post wohl nach amerikanischem Vorbild arbeiten musste. Jedes Gebäude einzel anzusteuern, wäre schon auf Grund der weiten Entfernungen untereinander aber erst recht wegen der teils sehr langen Zugangswege gar nicht möglich gewesen. Und so löste man das Problem recht einfach, indem alle Briefkästen der umliegenden Gebäude einfach zusammen an einem Standort aufgestellt wurden. Die Post konnte so rationell vom Briefträger zugestellt werden, ohne dass er sich Blasen an den Füßen holte.

Briefkastenanlage

Zum Teil waren diese Postkästen - obwohl gefüllt - unverschlossen. Es bestätigte sich damit einmal mehr die Aussage bezüglich dem Verhalten der Schweden gegenüber fremden Eigentum.

So langsam aber sicher nahmen sowohl die Strecke an Steigung als auch die Hitze zu. Normalerweise geht man davon aus, dass gegen Nachmittag die Temperaturen etwas fallen. Nicht aber hier, wo wir uns aufhielten. Ich glaube aber dennoch, dass dies mehr unserem subjektiven Empfinden zuzuordnen war. Es war einfach nur anstrengend. Stumm marschierten wir teils nebeneinander, teils hintereinander her, wobei ab und an gewechselt wurde, so dass jeder mal den "Leithammel" spielen musste. Karten oder gar Navi waren noch fehl am Platz, da wir uns momentan nur auf diese Straße konzentrierten. Es gab keine andere und in die nur sehr schwach bewaldeten Gebiete rechts oder links der Strecke auszuweichen war nicht möglich. Hätte auch nix gebracht. Die Sonne hätte uns dennoch voll erwischt. Nur gut, dass wir uns vorher noch gut mit entsprechendem Sonnenschutz eingecremt hatten. Regen wünscht man sich ja nicht unbedingt im Urlaub, aber so eine kleine Dusche wäre uns jetzt doch sehr willkommen gewesen. "Etwa 7 km waren das bis hier her? Und wie viele haben wir insgesamt vor uns?" Mit fragendem Gesichtsausdruck und ungläubigem Blick Richtung strahlend blauem Himmel stellte Tobi diese Frage. "Wenn ich mich nicht verrechnet habe, warn´s knapp 300". Na guten Abend. Wenn das so weitergeht, dann können wir bei Rückkehr nach Deutschland gleich noch ´ne Woche Urlaub ranhängen, weil wir in einem Zustand zurück kommen, der schlechter ist als bei der Abreise. Erholung gleich null. "Jetzt lass uns mal nicht gleich so schwarz sehen....". "...erst mal noch bis da rauf, wo die Straße auf den Hügel führt. Dort suchen wir uns ´nen schattigen Platz und dann ist erst mal Pause angesagt...." Die war bitter nötig. Der Blick, welchen wir von da oben genießen konnten, entschädigte zu einem kleinen Teil für die erlittenen Strapazen.



Tobi warnte mich noch, den Rucksack bei jeder kurzen Pause abzuschnallen. "Um so schwerer wird´s, den hinterher wieder aufzusetzen und dich wieder dran zu gewöhnen..." Ich konnte aber momentan alles andere gebrauchen als dieses Monstrum auf dem Rücken. Es war nicht die Kraft in den Beinen, welche nachlies. Da hätte ich ohne weiteres noch marschieren können. Nein - dieses Gewicht auf den Schultern machte mir mächtig zu schaffen. "Nach dem dritten Tag haste dich dran gewöhnt..." Obwohl es aufmunternd klingen sollte, fand ich diese Aussage momentan allerdings gar nicht so lustig. Und dann dieser ständige Drang nach Trinkbarem. Es musste ja kein Bier sein. Das hätte in dieser Hitze bei mir sowieso fatale Folgen gehabt. Aber auch mit dem Wasser mussten wir wohl oder übel etwas sparsam umgehen. Und ich hätte mir am liebsten eine der 1,5-Liter-Flaschen Wasser angesetzt und leergezogen.

Im großen und ganzen aber hatte diese doch etwas längere Pause ihre Wirkung nicht verfehlt. Wir erholten uns beide recht schnell und nutzten die Zeit natürlich auch, um noch mal ein kurzes Karten-Studium zu betreiben. Schon zu Beginn dieser ersten Etappe war klar, dass wir auf Grund der verspäteten Ankunft in Västerwik den ersten kleinen Verzug in Kauf nehmen mussten, ob uns dieser Umstand nun zusagte oder nicht, es war als gegeben hinzunehmen. Aber wir waren zu diesem Zeitpunkt noch ganz fest davon überzeugt, diese Verzögerung im Verlauf der Tour wieder rein zu holen.

Wir wollten uns dennoch schon jetzt auf der Karte nach einem geeigneten Schlafplatz umschauen, welcher letztlich etwa 10km vom eigentlich geplanten ersten Etappenziel entfernt auf der Karte definiert wurde. Von vorn herein hatten wir ja unsere Etappen so definiert, dass nach etwa 2-3 Tagen immer wieder ein Rastplatz erreicht werden sollte. Dem entsprechend waren unsere Lebensmittelvorräte kalkuliert und auch der Bedarf an Frischwasser berechnet. Das bedeutete nun natürlich auch in dieser Angelegenheit ein erstes Umdenken.

"Woll´n wir?" "Was heisst wollen - wir müssen weiter." Mit diesem Aufbruchsignal schnallten wir unsere Rucksäcke wieder auf, wobei uns geeignete Hilfsmittel natürlich immer recht waren. Mal war es eine halbhohe kleine Mauer oder ein Zaun - diesmal kam uns eine Mülltonne recht gelegen, um diese als "Aufbuckelhilfe" zu missbrauchen. Tobi hatte erst mächtig Zweifel, ob der Plastikdeckel dem Gewicht der Rucksäcke standhalten würde. Auch scheute er sich ein wenig davor, diese Tonne zu benutzen, da in unmittelbarer Nähe sich ein Wohnhaus befand und er bei Entdecken Ärger mit den Bewohnern befürchtete. Diese Zweifel erwiesen sich aber als unbegründet.

Weitere etwa 4km lagen nun an diesem späten Nachmittag noch vor uns, um unser vorverlagertes, korrigiertes erstes Etappenziel zu erreichen. Etwa 1 Stunde hatten wir dafür veranschlagt. Reichlich genug und selbst von Laien oder unter schwierigeren Bedingungen einzuhalten.

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